Relaunch der deutschen Frühromantik im Kontext aufgeklärter Spiritualität
Geheimes Deutschland
Von Rüdiger Sünner
Der Filmemacher Rüdiger Sünner hat kürzlich in einem Film seine Auseinandersetzung mit der deutschen Frühromantik vorgestellt. Sein Fazit: in Werken wie denen von Novalis, Hölderlin und anderen liegt eine aufgeklärte Spiritualität vor, die sich gerade angesichts des spirituellen Interesses der Gegenwart als höchst aktuell erweisen.
Als Oberst Claus von Stauffenberg am 20. Juli 1944 nach seinem gescheiterten Attentat auf Hitler hingerichtet wurde, soll er kurz vor den tödlichen Schüssen noch gerufen haben: „Es lebe das Geheime Deutschland!“ Damit zitierte er ein wichtiges Motto aus dem Kreis um den Dichter Stefan George, dem Stauffenberg und seine Brüder angehörten. Vor allem jüdische Mitglieder des George-Kreises wie Karl Wolfskehl, Ernst Kantorowicz und Edith Landmann hatten am Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem „Geheimen Deutschland“ die große geistige Erbschaft der Klassik und Frühromantik beschworen und gegen die Barbarei der Nazis gestellt.
Seit ich diesen Begriff das erste Mal hörte, hat er mich elektrisiert. Spontan assoziierte ich bestimmte Stimmungen auf Bildern von Caspar David Friedrich, anrührende Wendungen in Schumann-Liedern oder die Metapher der Blauen Blume bei Novalis: ein vergangenes Deutschland der Dichter, Maler und Musiker, das mit Begriffen wie „Wald“ und „Seele“ zu tun hatte und für mich im Gegensatz zu den militanten Männerbünden der Nazis eher weibliche Züge trug. In dem Begriff „Geheimes Deutschland” leuchtete die spirituelle Dimension auf, die ich immer schon in den Werken von Goethe, Novalis, Hölderlin, Hegel, Schelling, Eichendorff, Caspar David Friedrich, Annette von Droste-Hülshoff und anderen gespürt hatte und ich wurde dazu inspiriert, diesen Spuren in einem Film- und Buchprojekt genauer nachzugehen.
Alte Initiations-Erfahrungen Dabei entdeckte ich Erstaunliches. Vieles von dem, was heutige Menschen in Esoterik, Buddhismus, Schamanismus, Magie, Naturreligion oder in der Anthroposophie suchen, war bereits in der deutschen Kunst und Philosophie um 1800 angelegt. In den Esoterikläden von heute findet man Titel wie Pfad der Erleuchtung, Ich ging den Weg des Derwisch, Pfad der Wandlung, Pfad der Hexen oder Pfad des friedvollen Kriegers. Aber bereits Hölderlins Hyperion, Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen und Goethes Faust sind Initiationsreisen, die viele der heutigen Selbstfindungsbücher an Intelligenz und Vielschichtigkeit weit übertreffen. In diesen Romanen begegnen die Helden geistigen „Führern”, Göttern, Dämonen, Elementargeistern und Naturkräften, die sie erst zu einem wahrhaft entwickelten Ich machen. Unter diesem Aspekt las ich diese Klassiker, die mir in meiner Schulzeit eher verleidet worden waren, zum wiederholten Male und bekam einen neuen Zugang zu ihnen. Auch heutige Veröffentlichungen zur Naturmagie oder dem Komplex „Große Göttin”, „Gaia”, „Mutter Erde” wiederholen oft nur, was sich bereits bei den Frühromantikern findet. Diese sahen in der Natur eine „verschleierte Göttin” (Schelling), einen beseelten, weiblich-mütterlichen Organismus, dessen Gesetze man nicht nur durch rationale Zergliederung verstehen kann. Das „Geheime Deutschland” protestierte gegen die Vorherrschaft eines rein mechanisch-instrumentellen Naturverständnisses, das seit dem 17. Jahrhundert in Europa die Oberhand gewonnen hatte und stellte ihm ein anderes, ganzheitlicheres gegenüber. In vielen Texten, Gemälden und auch Kompositionen der Goethezeit begegnet man den Elementen der Natur immer auch als Sinnbildern für geistig-seelische Zustände. Im „Rauschen der Haine” (Eichendorff) klingen auch unsere eigenen Empfindungen mit und zwar nicht, weil wir diese nur hineinprojizieren, sondern weil Mensch und Natur Teile desselben universalen Geistes sind. „Wir werden die Welt verstehen, wenn wir uns selbst verstehen, weil wir und sie integrante Hälften sind. Gotteskinder, göttliche Keime sind wir", schreibt Novalis dazu in seinen Fragmenten. Bis heute wird gegen die Frühromantik der Vorwurf erhoben, dass sie nur „Geist” in eine an sich geistlose Natur hineingedichtet hätte, aber man könnte es auch umgekehrt sehen: Unser auf Überlebensstrategien dressierter Verstand hat im Laufe der Zeit immer mehr Trennungen in eine ursprünglich erfahrene Einheit von Innen und Außen hineinprojiziert, die die eigentliche Wirklichkeit hinter den sichtbaren Phänomenen darstellt.
Äther, Chi und Atman Dies ist übrigens auch die Meinung vieler moderner Quantenphysiker, die aber nur experimentell bestätigen, was Künstler und Philosophen schon seit Jahrhunderten wissen. Viele Texte des „Geheimen Deutschland” können solche Einheitserlebnisse unmittelbar erfahrbar machen. Rezitiert man z.B. Hölderlins Gedicht An den Äther, vor allem in der freien Natur, fühlt man deutlich, dass hier mit „Äther” mehr gemeint ist als bloße Luft. Hölderlin besingt ein Fluidum, das Ähnliches beschreibt wie das indische „atman” oder das chinesische „chi”: einen Begriff von „Geist”, der nicht nur das Denken in unserem Kopf meint, sondern auch den „Lebenshauch” und „Atem” des Kosmos, der gleichzeitig in uns und draußen weht. Lässt man die Rhythmen dieses Gedichtes auf solche Art wirken, steht man plötzlich mitten in dem übergreifenden Element des „Äthers” drin, der äußere und innere Natur zusammenhält. Wir spüren die belebende Raumweite um uns als eine Energiewelle, die unsere Brust weitet und uns Vitalität schenkt: eine spirituelle Einheitserfahrung, die fernöstlichen Meditations- oder Taichi-Übungen in nichts nachsteht. Ähnliches kann man bei Hölderlins Gedicht Die Eichbäume erleben. Beim inneren Mitvollzug der weit ausgreifenden Wurzeln und Äste spürt man den auch in der europäischen Mythologie bekannten Archetyp des „Weltenbaumes” in sich selbst. Ausdehnung und Erdung des Körpers geschehen gleichzeitig und geben einem mehr Gefühl für die eigene Mitte. Man empfindet Freiheit und gleichzeitig Eingebundenheit in einen größeren Strom, ein subtiles Ausbalancieren von Ichkräften und die Hingabe an die Krafträume von Himmel und Erde. Das „höhere Wasser“ Auch die spirituelle Wasser-Metaphorik des „Geheimen Deutschland” vermag solche beglückenden Innen-Außen-Erlebnisse zu schaffen. Novalis etwa sieht in einem vorbeifließenden Fluss gleichzeitig das „Urflüssige” oder das „unsichtbare Weltmeer in uns”. Dieses „höhere Wasser”, so schreibt er in den Lehrlingen zu Sais, könnten wir z.B. beim Einschlafen erleben, wenn unser Ich von einem größeren dunklen Etwas sanft überflutet werde, ebenso beim Aufwachen, wenn sich dieses wieder zurückziehe. Wasser wird auf einmal zu mehr als bloßem H2O. Es verwandelt sich, wie etwa auch der Anthroposoph Theodor Schwenk (Das sensible Chaos) erkannte, zu einer Chiffre für geistige „Urgesten” des Lebendigen, die sowohl in uns als auch in der äußeren Natur wirken. Nicht nur die zahlreichen Wirbelformen in der Tier- und Pflanzenwelt bezeugen dies, sondern auch unsere Verwendung von Begriffen wie „flüssiger Vortrag”, „fließende Bewegung”, „in etwas eintauchen”, „Gedankenstrom” etc. Auch Goethe hat uns mit seiner Bildersprache viele solcher Einheitserlebnisse beschert, etwa wenn er unser Auge ein Organ nennt, in dem beim Sehen das „innere Licht dem äußeren entgegentrete.” Erkenntnis war für Goethe ein Akt der Übereinstimmung zwischen innerem und äußerem Geist, ein geglücktes Zur-Deckung-Kommen von seelischen Urbildern und äußeren Phänomenen: gleichzeitig Ich-Aktivität und Mitschwingen mit höheren Welten, Denkanstrengung und Empfangenkönnen eines größeren kosmischen Geistes. Wenn wir in unserer Alltagssprache davon sprechen, dass uns „ein Licht aufgeht” oder uns „etwas dämmert”, meinen wir Ähnliches. Diese Formulierungen bezeichnen ein Erleben, in dem nicht das „Licht der Vernunft” mit einem Laserstrahl ins Dunkel der – eigentlich unvernünftigen – Natur leuchtet, sondern in dem sich das „Licht” unseres Geistes mit dem in der Natur verbindet: eine andere Erkenntnishaltung als die der Aufklärung, deren Vernunftbegriff immer dazu tendiert, alles außerhalb seiner selbst Befindliche als nebulös und irrational zu fürchten. Unter diesem Spaltungsdenken leiden wir bis heute: Umweltzerstörung, psychosomatische Erkrankungen und die Horrorvisonen des gentechnisch manipulierten und „gläsernen Menschen” sind nur einige Beispiele dafür.
Spirituelle Tiefe und Denken Doch obwohl die deutsche Frühromantik solche Einseitigkeiten einer rationalistischen Vernunft kritisierte, übernahm sie auch wichtige Errungenschaften der Aufklärung, etwa die Freiheit des Individuums und den Wert des rationalen Denkens. Herder, Goethe, Schiller, Novalis, Schelling, Alexander von Humboldt und andere waren keine somnambulen Träumer, sondern wache Denker, die sich immer auch für den neuesten Stand der naturwissenschaftlichen Forschung interessierten. Im Gegensatz zu manchen Esoterikern oder religiösen Fundamentalisten der heutigen Zeit, die für die Rückkehr zu archaischen Bewusstseinsstufen plädieren, hat das „Geheime Deutschland” immer den hohen Wert des wachen, freien und reflektierenden Ich betont. In den Texten von Goethe, Herder, Schiller, Hölderlin und Novalis geschieht keine hypnotische Lähmung des Bewusstseins, keine Unterwerfung unter Dogmen, Traditionen oder die unangreifbare Autorität eines religiösen Mediums oder Führers. Es geht nicht um schamanistische Trance oder buddhistische „Entleerung” eines als negativ empfundenen Ich, sondern um – wie es Goethe einmal in Dichtung und Wahrheit formulierte – die Dialektik von „Verselbstung” und „Entselbstung”. Der Mensch braucht ein starkes Ich, um nicht von Natur- und Schicksalskräften, Autoritäten und naturgegebenen Hierarchien unterjocht zu werden, aber das Pendel darf nicht zu weit ausschlagen. Versäumt er es, sich von Zeit zu Zeit wieder zu „entselbstigen”, entsteht eine neurotische Verhärtung und der Wahn, alles kontrollieren zu müssen. Dieser korrigierende Vorgang der „Entselbstigung” aber kann dem modernen Individuum nicht durch einen Papst, Mulla, Guru oder Hypnosetherapeuten abgenommen werden, sondern es muss ihn immer wieder selbst bewerkstelligen. Das ist anstrengend und oft schmerzhaft. Solche Erfahrungen machen wir, wenn wir mit Hyperion, Heinrich von Ofterdingen, Werther, Wilhelm Meister oder Faust mitgehen und an ihren geistigen Entwicklungsstufen – und auch Niederlagen – teilnehmen. In diesen „heiligen Spielen” – so nennt Friedrich Schlegel die großen Kunstwerke – begegnen wir Natur- und Schicksalskräften, inneren Stimmen, Götterbotschaften und dämonischen Verführungen, die uns helfen, unser Ich zu erweitern. Die Entwicklungsromane des 18. und 19. Jahrhunderts sind Fortsetzungen der alten mythischen Erzählungen, wo auch immer ein Held im Kontakt mit übersinnlichen Wesen zu größerer Reife gelangt (z.B. Herakles, Odysseus, Siegfried, Parzifal). Doch in der Kunst des „Geheimen Deutschland” spielt das Ich eine noch größere Rolle. Während dieses in den Mythen nur aufblitzt oder im überindividuellen Gesamtzusammenhang aufgeht, hat es hier die Aufgabe, sich zu behaupten und trotzdem für einen höheren Geist offenzubleiben. Dieser Wechselrhythmus pulsiert durch alle Werke von Goethe, Beethoven, Schiller, Hölderlin und Novalis und in ihm liegt das aufgeklärte Moment dieser Epoche, womit sie vielen heutigen Spielarten regressiv-archaischer Spiritualität überlegen ist. Das Denken des „Geheimen Deutschland” ist nicht „prärational”, um eine Unterscheidung des amerikanischen Philosophen Ken Wilbers aufzugreifen, sondern „transrational”, d.h. es öffnet sich dem Übersinnlichen auf der Basis eines voll ausgebildeten, auch zu Rationalität und Freiheit fähigen Ich. Das spirituelle Weltbild der Frühromantik entwickelte daher auch wesentlich fortschrittlichere Ansichten gegenüber der Freiheit des Individuums und der Gleichberechtigung der Frau, als viele Vertreter des heutigen Katholizismus, Islam, Buddhismus, tibetischen Lamaismus, Hinduismus oder des orthodoxen Judentums.
Spiritualität und Weiblichkeit Die Protagonisten der Goethezeit verehrten nicht nur die Natur als weiblich-göttlichen Raum, sondern schufen auch beeindruckende literarische Frauengestalten, die oft ein tieferes Wissen über die geheimen Gesetze des Leben besaßen, als ihre männlichen Partner. Schillers Johanna von Orléans, Hölderlins Diotima oder die weiblichen Stimmen im Faust geben dafür eindrucksvolle Beispiele, das Finale von Beethovens Neunter Symphonie besingt die menschheitsverbindende „Freude” als eine Göttin („Tochter aus Elysium”), deren „Heiligtum” wir uns „feuertrunken” nähern sollen. Auch in vielen Liebesbeziehungen und intellektuellen Zirkeln dieser Zeit spielte das weibliche Geschlecht eine herausragende Rolle: Ohne Caroline Schlegel, Dorothea Veit, Bettina von Arnim, Karoline von Günderode, Rahel Varnhagen, Marianne von Willemer, Sophie von Kühn, die Herzogin Anna Amalia u.a. wäre die deutsche Frühromantik nicht das gewesen, was sie war.
Umgang mit dem Bösen Aufgeklärt zeigt sich die Spiritualität dieser Epoche auch durch das Fehlen von apokalyptischen Denkfiguren, die in allen Weltreligionen vorkommen und mit ihren dualistischen Feindbildern gerade heute wieder Zündstoff für extremistische Ideologien liefern. Die Dichter des „Geheimen Deutschland” kannten keine Begriffe wie „Heiliger Krieg“ oder „Kreuzzug gegen das Böse“, ebensowenig den bis heute von der katholischen Kirche praktizierten Teufelsglauben und Exorzismus. Für Goethe waren Mephisto und Luzifer keine absolut verdammten Gegengestalten zum Göttlichen, sondern geistige Kräfte einer umfassenden Weltordnung, die nicht durch Schwert oder Feuer aus der Welt zu schaffen sind. „Das, was wir bös nennen”, heißt es in Goethes Rede Zum Shakespeares-Tag von 1771, „ist nur die andere Seite des Guten, die ... notwendig zu seiner Existenz und in das Ganze gehört.”
Romantik und Reinkarnation Aufgeklärt wirken auch die Reflexionen des „Geheimen Deutschland” zu Wiedergeburt, Karma und Seelenwanderung. Heutige Sinnsucher befragen dazu den Dalai Lama, Rudolf Steiner oder Rückführungstherapeuten, aber wer von ihnen kennt die diesbezüglichen Gedanken von Schiller, Herder, Moses Mendelssohn, Lessing, Goethe, Novalis, Schelling, Friedrich Schlegel, Carl Gustav Carus, Kleist oder Jean Paul? Auch diese Künstler und Philosophen glaubten nicht daran, dass unser Persönlichkeitskern aus rein biochemischen Prozessen besteht, die mit dem Zerfall des Körpers verschwinden, sondern sie stellten sich ein Weiterleben der Seele nach dem Tode vor. Wenn Eichendorff in dem Gedicht Mondnacht davon spricht, dass die Seele ihre Flügel ausbreitet und „nach Hause” fliegt, spielt er darauf an, ebenso Goethe, der sich bestimmte Déjà-vu-Erlebnisse seines Lebens nicht anders als durch Seelenwanderung erklären konnte. Doch die Autoren dieser Zeit halten sich nicht für Eingeweihte, die vorgeben, ein genaues Wissen über diese Dinge zu besitzen, sondern sie nähern sich dem Thema mit den unterschiedlichsten Fragen, Bildern und Streitgesprächen. Das wirkte auf mich immer angenehmer und anregender, als viele dogmatische oder allzu detaillierte Ausführungen zu diesem schwierigen Sujet. Bei aller Verschiedenheit spielt jedoch bei den Gedanken der Goethezeit zur Wiedergeburt die Entwicklungsmöglichkeit des Individuums eine große Rolle. Anders als manche fernöstliche Religion glaubte das „Geheime Deutschland” nicht daran, dass unser Ich sich nach dem Abbüßen unzähliger Inkarnationen endlich selig im Nirwana auflöst, sondern wir kommen möglicherweise wieder, weil ein Leben nicht genug Zeit bietet, um all unsere Anlagen zu entfalten. Darüber dachte bereits 1780 der Philosoph Gotthold Ephraim Lessing in seiner Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts nach: „Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf einmal so viel weg, dass es der Mühe wiederzukommen etwa nicht lohnet?“
Herder nennt diese niemals abgeschlossene Anlage jeder individuellen Seele mit einem schönen Bild „die verschlossene Knospe der wahren Gestalt der Menschheit“. Wegen dieser prinzipiellen Unabgeschlossenheit können wir uns niemals damit beruhigen, höchstes und letztes Glied der Schöpfung zu sein, sondern müssen uns auf weitere Metamorphosen gefasst machen. „Als Tier dienet er der Erde und hangt an ihr als seiner Wohnstätte", bemerkt Herder in den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit dazu, „als Mensch hat er den Samen der Unsterblichkeit in sich, der einen anderen Pflanzgarten fordert." Diese Einsicht solle jedoch vor allem dazu dienen, auch schon hier und jetzt am „moralischen Bau der Menschheit" mitzuarbeiten. „Um Ort und Stunde deines künftigen Daseins gib dir also keine Mühe; die Sonne, die deinem Tage leuchtet, misset dir deine Wohnung und dein Erdengeschäft und verdunkelt dir so lange alle himmlischen Sterne. Sobald sie untergeht, erscheint die Welt in ihrer größeren Gestalt: die heilige Nacht, in der du einst eingewickelt lagest und einst eingewickelt liegen wirst, bedeckt deine Erde mit Schatten und schlägt dir dafür am Himmel die glänzenden Bücher der Unsterblichkeit auf. Da sind Wohnungen, Welten und Räume."
Wilbers Würdigung der Deutschen Viele Themen, die heute im Bereich Esoterik, Mystik und Naturreligion thematisiert werden, waren also bereits vor 200 Jahren ein wichtiger Bestandteil deutscher Kunst und Kultur. Warum nicht noch einmal einen neuen Blick in unsere Klassiker werfen, um auch von dort Anregungen für ein spirituell erweitertes Denken zu bekommen? Ihre Texte eröffnen uns Erlebnisräume, wo sich Verstand und Intuition, Wissen und Glauben, Wachheit des Ich und Transzendenzerfahrungen nicht ausschließen müssen, sondern sich gegenseitig beflügeln können. Sie besitzen eine Schönheit und Innigkeit der Sprache, die bis heute ihresgleichen sucht und können uns helfen, die Verbindung unseres Geistes mit dem in Natur und Kosmos waltenden Geist besser zu verstehen. Der amerikanische Philosoph Ken Wilber, einer der Vorreiter des modernen „integralen Denkens”, spricht daher von der „herrlichen spirituellen Blüte” dieser deutschen Kulturepoche, die bereits die Evolution als einen Prozess erkannt hätte, „in dem der Geist sein eigenes zeitloses Potential in der Zeit entfaltet.” Diese außerordentliche Erkenntnis, so Wilber in dem Buch Naturwissenschaft und Religion, bliebe das unsterbliche Verdienst des deutschen Idealismus: „Diese großartige Schau betrachtete das ganze Universum von den Atomen über die Zellen, Organismen, Gesellschaften, Kulturen und Geister zu den Seelen als die herrliche Entfaltung eines leuchtenden Geistes ... Denn, wie Hegel sagte, ist alles, was von Ewigkeit im Himmel und auf Erden geschehen ist ... nichts anderes als das Ringen des Geistes darum, sich selbst zu kennen, sich selbst zu finden, für sich zu sein und schließlich sich mit sich selbst zu vereinen; er ist mit sich selbst entfremdet und geteilt, doch nur um sich so selbst zu finden und zu sich zurückkehren zu können.”
Soeben erschienen: Rüdiger Sünner: Geheimes Deutschland. Ca. 60 Minuten. 14,90 EURO, ISBN 3-89848-079-8 EAN: 4-021308-880794 Die deutsche Frühromantik war nicht nur eine Epoche großer Dichtung, sondern entwickelte auch ein spirituelles Weltbild, das vieles von dem vorwegnahm, was heutige Menschen in Esoterik, Schamanismus, fernöstlicher Religion etc. suchen: die Verbindung von Denken und Intuition, Verstand und Gefühl, Wissenschaft und Religion sowie eine Sicht auf Natur als lebendigen, geisterfüllten Organismus, der nicht nur durch rationale Zergliederung verstanden werden kann. In künstlerischer Unabhängigkeit entwickelten die Frühromantiker höchst individuelle Formen der Spiritualität, die bis heute nichts von ihrer Faszination und ihrer inspirierenden Kraft eingebüßt haben. Wir reisen mit Texten von Hölderlin, Novalis, Goethe, Annette von Droste-Hülshoff u.a. zu magischen Landschaften in Deutschland, um diese bisher wenig beleuchtete Seite europäischer Geistesgeschichte zu erkunden. Der Bonusteil der DVD enthält weiterführende Informationen sowie ein Interview mit dem Philosophen Jochen Kirchhoff.
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